Die Kunst der Woche

Hoch, der Horizont: Kerstin Honeit zeigt Berlin im Kreisel der Armut. Doch die Stimmen erheben sich. Sharon Stone beweist, dass sie sich auch in Malerei auszudrücken weiß.

Wie so oft bei einem geloopten Kunstvideo – „Loop, zwei o, ein p, prollen langsam an, na dann“ – schneit man in den Raum, wenn der Film gerade endet, und im Fall von Kerstin Honeits neuestem Werk „This Is Poor! Patterns of Poverty“ erwischt man da ausgerechnet den Höhepunkt. Denn da fällt der Steglitzer Kreisel, so wie er sich heute zeigt, in Baunetze eingehüllt und plakatiert mit Werbung für das Überlin, das hier einmal dank Luxus-Lofts entstehen sollte, einfach um. Weg ist er. Wunderbar.

Er steht auch am Anfang des Videos, noch in voller Pracht, aufgenommen von der gegenüberliegenden Grünfläche, auf die dann bunt gekleidete Menschen mit Klapphockern kommen. Sie setzen sich im Kreis und beginnen, in den tosenden Lärm des Straßenverkehrs hinein zu skandieren. Es sind Mitglieder des Berliner Straßenchors und sie sind hier, „um den Aufstand zu proben“. Nach zwanzig Minuten haben sie insofern Erfolg, als das Hochhaus einfach nach hinten wegkippt. Bis dahin zeigt das Video, was der Titel verspricht: Muster der Armut, durchsetzt und überblendet mit revuehaften Sequenzen, mal inszeniert, mal aus alten Dokumentarfilmschnipseln zusammengeschnitten.

„Schön ist der Name nicht“, hört man eine Stimme sagen, bei der Party in längst vergangenen D-Mark-Zeiten, mit der der Einzug der Steglitzer Verwaltung samt Sozialamt in „Europas höchstes Rathaus“ gefeiert wird, tatsächlich mit einem Blechspielzeugkreisel zum Aufziehen auf jedem Tisch. Nicht viel surrealer wirkt dann der Englischunterricht im DDR-Fernsehen mit Karl Marx in London – „that’s a good idea“. Honeit und ihre Eltern, Karin und Hanni Honeit, stehen vor der Projektion und wiederholen die wichtigen Lernsätze – „that’s a good idea“ und „they were poor“ – über Marx und seine Familie.Honeits Film ist ein absolut befreiendes Erlebnis. Im Diskurs der Klassenfrage und der ökonomischen und sozialen Ungleichheit dekliniert „This Is Poor!“ kritisch und komisch zugleich die sich wiederholenden Muster struktureller Armut auch formalästhetisch konsequent durch, wobei Honeit diese Muster, als Dekor mit einer spezifischen Farbigkeit zum Kaleidoskop zusammengesetzt, durchaus glamourös in Bewegung setzt.

Wenn Sharon Stone die Atmosphäre auflädt

Im letzten Galerieraum hängt das Bild, „The Lake“ (2023), das am besten gefällt. Es hat alles, was die Malerei auszeichnet, die Sharon Stone gerade in Berlin, in der Galerie Deschler, zeigt. Die Versuchung der Landschaft, der Stone erst in der Abstraktion nachgibt, in übereinandergeschichteten Farbfeldern. Das breite hellblaue Band unten ist das Wasser, in dem grüne horizontale Pinselstriche die Wasserpflanzen andeuten, und vertikales Grün das Schilf. Darüber liegen zwei dunkelgrüne Streifen: Der Wald steht schwarz und schweiget.

Am sehr hoch angesetzten Horizont geht dann über die ganze Bildbreite die Sonne unter, als doppelter roter Farbstreifen zwischen dem Grün des Waldes und dem Blau der Wolken. Der Sonnenuntergang wirkt wie eine Bordüre, mit der eine Tapete oben an der Wand abschließt, also sehr dekorativ, sehr ironisch; nein, „The Lake“, das ist nicht Natur, das ist Kunst, Malerei.Sharon Stone ist, wie jeder weiß, eine berühmte Hollywood- Schauspielerin. Wie andere Berühmtheiten, man denke an Bob Dylan, hat sie auf ihre alten Tage angefangen zu malen. Und weil der Kunstbetrieb in solchen Fällen – oft genug aus guten Gründen – der Sache nicht traut, hat jede große Tageszeitung ein seitenfüllendes Interview mit dem Star, um nur ja nichts über ihre Bilder sagen zu müssen. Dabei lässt sich eigentlich ganz einfach sagen, dass hier keine Dilettantin am Werk ist, die Leinwände könnten auch ohne die berühmte Schöpferin bei Deschler im Programm sein, wenn dann auch günstiger im Preis. Ihre Malerei liegt jedenfalls auf der Linie, die der Galerist vertritt.

Wonach Sharon Stone in den Interviews immer gefragt wird, ist das Bild mit dem Titel „Portrait of My Boyfriends from Foreign Countries“ (2023). Das Geheimnis, wer sie sind und ob wir ihre Namen kennen, das würden die Zeitungen ihren Leser:innen zu gerne verraten. Aber sie müssen sich mit dem Bild begnügen – oder auch vergnügen. Wie man die Sache eben sieht. Das Bild setzt sich aus zwei Leinwänden zusammen, neben einem roten Streifen, der vertikal am linken Bildrand entlangläuft, besteht es aus vier breiten Farbfeldern links und aus zehn teils breiten, teils ganz schmalen übereinander liegenden Farbfeldern rechts. Stone, die schon als Kind mit ihrer Tante, die Künstlerin war, gemalt und später die Kunstakademie besucht, wenn auch nicht abgeschlossen hat, versteht es, die Farbfelder sehr schön atmosphärisch aufzuladen. Das helle Grün, darüber das fette Braun, das Rosarot, das in Farbschlieren nach unten ins Schwarz läuft, lässt an verliebte Fahrten übers sommerliche Land denken; und das ganz blasse, von schwarzen Spuren gezeichnete Rosa unten rechts ruft Erinnerungen an Sandstrände im Abendlicht wach. Man meint, es seien ziemlich coole Boyfriends, die hier porträtiert wurden. Und da man die von Sharon Stone nicht kennt, denkt man ohnehin an die eigenen.

Kerstin Honeit: This Is Poor! Patterns of Poverty. M1 VideoSpace, KINDL–Zentrum für zeitgenössische Kunst, bis 14. Juli, Mi. 12–20 Uhr, Do.–So. 12–18 Uhr, Am Sudhaus 3 und Sharon Stone: Totem. Galerie Deschler, bis 18. Mai, Di.–Fr. 11–18 Uhr, Sa. 12–18 Uhr, Auguststr. 61

6. April 2024

Brigitte Werneburg

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